Podcasts, Doku-Serien, YouTube-Formate, Social Media: Immer mehr Sportler:innen werden selbst zu Medienunternehmen. Travis Kelce, die Mannings, LeBron James oder Cam Newton sind längst nicht mehr nur Protagonist:innen in der Sportberichterstattung. Sie bauen eigene Formate, Communities und Marken rund um ihre Persönlichkeit auf.

Das passt zu einem größeren Wandel im Sport-Fandom: Laut einer YouGov-Untersuchung aus 15 Märkten folgen 59 % der Sportfans ihren Lieblingsathlet:innen in sozialen Netzwerken. Bei den 18- bis 34-Jährigen sind es sogar 70 %. Das Publikum ist also längst da. Die Herausforderung lautet inzwischen: Was kann ein Athleten-Podcast oder eine Doku noch bieten, was Fans nicht schon aus Instagram, YouTube oder dem klassischen Sportinterview kennen?

Nicht nur erzählen, was passiert ist – sondern warum

Genau hier wird Technologie interessant. Fans und Profis erleben ein Spiel nämlich auf zwei völlig unterschiedlichen Ebenen. Zuschauer:innen sehen die Übertragung, Wiederholungen, Statistiken und verschiedene Kameraperspektiven. Spieler:innen und Trainer:innen haben dagegen Zugriff auf wesentlich tiefere Informationen: Bewegungen, Positionierungen, Laufwege, Abstände und Entscheidungen auf dem Spielfeld. Sie sehen nicht nur was passiert ist, sondern können nachvollziehen, warum es passiert ist. Und genau diese Perspektive könnte zum nächsten großen Differenzierungsmerkmal von Athlete Media werden. Eine IBM-Studie mit mehr als 20.000 Sportfans aus zwölf Ländern zeigt zumindest, dass das Bedürfnis nach mehr Nähe vorhanden ist: 65 % wünschen sich besseren Zugang zu Spieler:innen und Teams. Unter den Menschen, die Sport-Influencer verfolgen, halten 74 % Storytelling für wichtig, wenn es darum geht, Sport zu erleben und eine Verbindung dazu aufzubauen.

Wenn Profiwissen auf Profi-Technologie trifft

Ein Beispiel dafür ist eine neue Medienpartnerschaft von Genius Sports, dem ehemaligen NBA-All-Star Chris Paul und der Produktionsfirma Words + Pictures.

Die Idee: Pauls jahrzehntelange Erfahrung und sein Verständnis für Basketball treffen auf Technologien, die normalerweise im professionellen Sport eingesetzt werden. Damit könnte beispielsweise eine entscheidende Szene eines Spiels nicht einfach noch einmal gezeigt werden. Chris Paul könnte erklären, wie er die Situation als Spieler gelesen hätte, welche Optionen die Verteidigung hatte und warum eine bestimmte Entscheidung letztlich den Spielverlauf beeinflusst hat; unterstützt durch Daten und Visualisierungen.

Das macht aus einem klassischen Sportinterview etwas anderes: Der Athlet wird nicht nur zum Host, sondern zum Experten, der den Zuschauer in seine eigene Sichtweise des Spiels hineinzieht.

Technologie wird zum neuen Wettbewerbsvorteil

Das ist gerade deshalb spannend, weil KI und Automatisierung die Produktion von durchschnittlichem Sport-Content immer einfacher machen.

Highlights? Automatisierbar.

Zusammenfassungen? Automatisierbar.

Statistiken? Leicht verfügbar.

Die eigentliche Differenzierung könnte deshalb künftig woanders liegen: Wer hat Zugang zu den Daten und Technologien, die einen einzigartigen Blick auf das Geschehen ermöglichen – und wer kann sie spannend erzählen?

Wenn man diese Werkzeuge einem Athleten gibt, der das Spiel auf höchstem Niveau verstanden hat, entsteht etwas, das ein gewöhnlicher Creator nur schwer kopieren kann.

Für Marken öffnet sich eine neue Spielwiese

Auch für die Vermarktung ist das interessant. Bisher können Marken im Sport beispielsweise klassische Sponsoringflächen, TV-Rechte, Social Content, Podcasts oder Athletenkooperationen buchen. Datenbasierter Athlete Content könnte diese Welten miteinander verbinden. Eine Marke könnte beispielsweise eine regelmäßige Serie rund um die Analyse entscheidender Spielszenen präsentieren. Oder eine Visualisierung sponsern, die Fans einen Spielzug aus der Perspektive eines Profis erleben lässt. Der Unterschied zu einem klassischen Logo-Placement: Die Marke wird Teil eines Contents, den Fans tatsächlich sehen wollen, weil er ihnen einen Mehrwert bietet.

Vom Athleten als Werbegesicht zum Athleten als Medienmarke

Genau darin liegt die größere Entwicklung. Athlet:innen haben durch Social Media und Podcasts bereits gelernt, ihre eigene Reichweite aufzubauen und direkt mit Fans zu kommunizieren. Der nächste Schritt könnte sein, diese Reichweite mit exklusivem Wissen, professioneller Technologie und hochwertiger Produktion zu verbinden. Dann wird aus dem Sportstar nicht einfach ein weiterer Creator mit Mikrofon, sondern eine eigene Medienmarke mit einer Perspektive, die sonst niemand bieten kann.

Die Zukunft von Athlete Media könnte deshalb weniger darin liegen, noch mehr Content zu produzieren, sondern mehr darin, Fans etwas sehen zu lassen, das sie bisher nur Profis sehen konnten.