Beim House of Podcast am 28. September waren wir von podcast360 live vor Ort in Berlin und haben verschiedene Panels besucht, die sich mit aktuellen Fragen der Podcast-Branche beschäftigt haben. Eines davon hat uns besonders zum Nachdenken gebracht: „How to HOSTagonist“. Denn Podcasts leben von Nähe. Hosts sprechen nicht nur mit Menschen, sie begleiten sie, telefonieren mit ihnen, hören ihnen zu und erleben Geschichten teilweise über Monate hinweg mit. Doch was passiert, wenn eine Geschichte auch den Host selbst emotional trifft?

Der Host ist nicht nur die Stimme aus dem Off

Gerade bei Reportage- und Storytelling-Formaten entsteht Nähe häufig nicht erst im fertigen Podcast. Sie beginnt bereits bei der Recherche. Im Panel waren Aida Amina („Azizam“), Britta Rotsch („Die Lieblingsschülerin“), Lea Utz („Telephobia“), sowie Annika Prigge vom Y-Kollektiv als Moderatorin zu Gast und es wurde beschrieben, wie Hosts Menschen teilweise telefonisch kontaktieren, die Angst oder großen Respekt vor dem Gespräch haben. Viele Geschichten kommen zudem direkt von Hörer:innen oder Tippgeber:innen. Dadurch besteht von Anfang an ein Vertrauensvorsprung. Der Host wird dabei zunehmend zum Sparringspartner: nicht nur jemand, der Fragen stellt und anschließend die Geschichte erzählt, sondern jemand, der gemeinsam mit den Protagonist:innen ein Stück des Weges geht. Das kann Geschichten besonders intensiv machen. Aber genau diese Nähe verändert auch die Verantwortung. 

Je näher die Geschichte, desto mehr Verantwortung

Ein zentraler Gedanke aus dem Panel: Je persönlicher und sensibler ein Thema ist, desto stärker sollte die Kontrolle über die eigene Geschichte bei den Protagonist:innen bleiben.

Das bedeutet beispielsweise:

  • Abläufe frühzeitig transparent machen
  • Protagonist:innen erklären, was mit ihren Aussagen passiert
  • O-Töne vor der Verwendung zeigen, wenn das sinnvoll und vereinbart ist
  • Szenen streichen, wenn sie zu persönlich oder problematisch sind
  • Betroffenen Möglichkeiten zur Rückmeldung geben
  • redaktionelle Entscheidungen nicht allein aus dramaturgischen Gründen treffen

Gerade bei hochsensiblen Themen ist eine gute Geschichte eben nicht automatisch diejenige, die am emotionalsten ist. Dramaturgie und Ethik müssen zusammen gedacht werden.

Betroffenheit kann eine Stärke sein, aber auch eine Belastung

Persönliche Nähe kann Authentizität schaffen. Ein Host, der selbst emotional involviert ist, kann eine Geschichte anders erzählen als jemand, der ausschließlich von außen darauf blickt. Gleichzeitig kann diese Nähe über Monate oder sogar Jahre belastend werden. Im Panel wurde von langjährigen Auseinandersetzungen mit Geschichten berichtet und davon, wie wichtig Therapie, Coaching und externe Unterstützung für Hosts sein können.

Besonders eindrücklich wurde das Spannungsfeld, als Lea und Aida darüber sprachen, was passiert, wenn das echte Leben plötzlich die Dramaturgie einer Geschichte verändert. Während der Aufnahmen des Podcasts „Azizam“ griff Israel den Iran an, Aidas Familie lebt größtenteils in Teheran. Plötzlich wurde aus einer ohnehin emotionalen Geschichte eine ganz persönliche Krise: kein Internet, keine Möglichkeit, Familie und Freund:innen zu erreichen, keine Gewissheit, wie es ihnen geht. Gleichzeitig wusste die Redaktion: Storytelling-technisch entsteht dadurch eine zusätzliche Fallhöhe. Aida brachte diesen Widerspruch sehr treffend auf den Punkt: „Storytelling-technisch ist das natürlich, in Anführungszeichen, gut, wenn sowas ist. Aber persönlich war das natürlich total schlimm.“ Gerade solche Situationen zeigen, wie schmal der Grat zwischen dramaturgischer Chance und menschlicher Belastung sein kann.

Ein wichtiges Learning aus dem Gespräch: Wenn empathisches Zuhören irgendwann nicht mehr möglich ist, muss auch eine Pause oder sogar ein Abbruch der Produktion denkbar sein.

Die Redaktion muss nicht nur die Geschichte schützen

Damit verschiebt sich auch die Verantwortung der Produktionsseite. Es reicht nicht, Protagonist:innen während der Aufnahme gut zu begleiten. Gerade bei belastenden Geschichten braucht es Strukturen, die vor, während und nach der Produktion funktionieren. Im Panel wurden beispielsweise psychologische Betreuung und Coaching für Hosts genannt, sowohl für akute Krisen als auch für die Belastung rund um einen Release. Auch redaktionell kann Unterstützung helfen: Entscheidungen werden im Team getroffen, sensible Passagen gemeinsam bewertet und nicht verwendete Geschichten dokumentiert. Denn auch „Nein“ zu einer guten Geschichte sagen zu können, gehört zu verantwortungsvoller Podcast-Produktion.

Nähe ist ein Storytelling-Tool, aber kein Selbstzweck

Gerade Podcasts haben einen Vorteil gegenüber vielen anderen Medien: Sie können sehr intime Gesprächssituationen schaffen. Das funktioniert, weil Hörer:innen häufig das Gefühl bekommen, bei einem Gespräch wirklich dabei zu sein. Der Host muss dafür nicht allwissend oder vollkommen neutral wirken. Persönlichkeit, Unsicherheit und eigene Reaktionen können Teil der Erzählung sein. Aber persönliche Betroffenheit sollte nicht automatisch zum Mittelpunkt werden.

Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Hilft die persönliche Perspektive des Hosts dabei, die Geschichte besser zu verstehen, oder nimmt sie der eigentlichen Geschichte Raum weg?

Unser Learning vom House of Podcast

Für uns war vor allem eines interessant: Nähe ist eine der großen Stärken von Podcasts, aber Nähe braucht Regeln. Ein persönlicher Host kann Vertrauen schaffen und schwierige Geschichten zugänglicher machen. Gleichzeitig braucht es Transparenz, klare redaktionelle Verantwortung, Zustimmung und vor allem ein Team, das auch die Menschen hinter dem Podcast im Blick behält. Denn wenn Hosts und Protagonist:innen über Monate tief in eine Geschichte eintauchen, endet die Verantwortung nicht mit dem Drücken des Aufnahme-Buttons.

Gute Podcast-Produktion bedeutet deshalb nicht nur, starke Geschichten zu erzählen. Sie bedeutet auch, dafür zu sorgen, dass die Menschen, die diese Geschichten möglich machen, gut durch den Prozess kommen.